Anita Ulrich
Bordelle, Strassendirnen und bürgerliche Sittlichkeit in der Belle Epoque
Eine sozialgeschichtliche Studie der Prostitution am Beispiel der Stadt Zürich

Die Prostitution wird landläufig als "das älteste Gewerbe" bezeichnet, oder dann wird gesagt, es habe sie schon immer gegeben. Solche gängigen Erklärungen vermögen das Phänomen Prostitution ebenso wenig zu fassen wie die These, dass die Grundlage der Prostitution die durch die ökonomischen Interessen der patriarchalischen Gesellschaft begründete Unterdrückung der Frau sei. Diese Erklärungen abstrahieren von der historisch konkreten Situation, in der sich Prostitution manifestiert, und lassen sie zu einem naturhaften, ahistorischen Vorgang werden. Prostitution ist jedoch keine ausserhalb der Gesellschaft wirkende Konstante, sondern ein historisch wandelbares Phänomen, dessen zeitspezifischer Charakter nur erfasst werden kann, wenn man sie als Teilaspekt des wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Lebens begreift. Die vorliegende Arbeit versucht, am Beispiel Zürich Inhalte und Formen der Prostitution im Zusammenhang mit der Gesellschaftsordnung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu sehen und in diesem Zusammenhang zu erklären.

Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, Band 52, Heft 3
Neujahrsblatt Nr. 149
Druckerei Leemann, Zürich (1985)